Die Permakultur-Agrarwende

Die Permakultur-Agrarwende

Hier erfährst du wie die Permakultur-Landwirtschaft aussieht, bei der auch Ackerbau effizient und nachhaltig funktioniert.

Gastbeitrag von Jonas Gampe, Permakulturexperte und Gründer von Kreislauf-Gärten und Permakultur-Gärtnerei

Warum wir eine Agrarwende dringend brauchen

Monatelang kein Regen im Sommer, extreme Hitze mit starker Verdunstung, flächendeckende Wasserknappheit, durch Dürre sterbende Wälder, tote Ackerlandschaften. Eine Beschreibung aus Nord-Afrika? Nein, so sieht es mittlerweile in Zentral-Europa aus. Hinzu kommt ein breites Artensterben, stark belastetes Trinkwasser und extreme Wetterereignisse. So langsam ist auch für Laien gut zu erkennen, dass sich die einst stabile Biosphäre des Planeten Erde verabschiedet und vermutlich kurz vor dem Zusammenbruch steht. Sollten sich die letzten drei Sommer nochmals so wiederholen, ist es gut möglich, dass fast die gesamte Waldfläche in Deutschland braun anstatt grün ist. Damit wäre dann auch das letzte puffernde Ökosystem-Element gefallen und der Wüstenbildung steht nichts mehr im Wege (sofern man bei instabilen Holzplantagen überhaupt noch von Ökosystem-Elementen sprechen möchte).

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Ganz grundlegend gesagt, haben wir in den letzten 200 Jahren fast alle stabilen und puffernden Elemente aus der Biosphäre der Erde entfernt und sie durch Elemente ersetzt, die Extreme aller Art fördern. Eigentlich völlig logisch, dass dies zwangsläufig zu einem Zusammenbruch der Biosphäre führen muss. Konkreter gesagt: Urwälder, Moore, Strukturvielfalt, lebendige Böden und kleinteilige Topographie wurden durch Holzplantagen, riesige versiegelte Flächen und ebene, großflächige Monokulturen ersetzt. Somit können die Grundfunktionen von Ökosystemen wie Wind bremsen, Luft befeuchten, Wasser zurückhalten und reinigen, Lebensraum bereit stellen, Artenentwicklung an neue Gegebenheiten ermöglichen usw., nicht mehr gewährleistet werden und die Biosphäre bricht langsam zusammen.

Ist nun alles vorbei und können wir nur noch zusehen, wie es langsam mit der Erde wie wir sie kennen, zu Ende geht?

Nein. Ganz im Gegenteil. Es gibt sehr viele Konzepte, die sehr schnelle Erfolge liefern können und nur darauf warten, umgesetzt zu werden. Eine sehr effiziente Möglichkeit für die Rettung der Biosphäre möchten wir dir nachfolgend kurz vorstellen.

Das Konzept mit dem größten Potenzial ist die Veränderung der Landwirtschaft weg vom konventionellen Monokulturanbau hin zu einer Permakultur-Landwirtschaft.

Das würde die Menschheit nicht nur in wenigen Jahren CO2-neutral machen, sie würde auch viele Klimaextreme mäßigen, eine reichhaltige Biodiversität fördern, sauberes Grundwasser aufbauen und in jeder Region der Erde alle Grundlebensmittel zur Verfügung stellen.

Klingt zu schön um wahr zu sein? Hier die Hochrechnungen:

Auf der gesamten Erde beträgt die landwirtschaftliche Nutzfläche ca. 4.862.000.000 Hektar.1
Würde man nun diese Flächen nicht aus instabilen Monokulturen, sondern aus essbaren Ökosystemen anlegen, also mit Nussbäumen, Obstbäumen, Wildobst, mehrjährigem Gemüse, Wildkräutern aber auch noch einjährigen Feldfrüchten, können wir davon ausgehen, dass diese Strukturänderung ca. 7 Tonnen CO2 pro Jahr und Hektar bindet. Dies geschieht vor allem durch das Wachsen der Bäume und den Aufbau von Humus. Somit hätten wir jährlich auf der gesamten landwirtschaftlichen Fläche eine CO2-Bindung von 34 Milliarden Tonnen. Der weltweite CO2-Ausstoß lag 2016 bei ca. 35 Mrd. Tonnen.2
Berücksichtigt man zudem die CO2-Einsparung durch einen deutlich geringeren Maschineneinsatz, würde also lediglich eine Umstellung der Landwirtschaft das gesamte CO2-Problem lösen.
Da es ja durchaus Menschen gibt, die den menschengemachten Klimawandel für ein erfundenes Konstrukt halten, ist noch folgendes anzufügen: ganz egal, welche Faktoren denn nun tatsächlich für den Zusammenbruch der Biosphäre sorgen, mit einer flächendeckenden Permakultur-Agrarwende werden sie behoben. Denn hierbei werden auch alle anderen Bereiche positiv beeinflusst (Wind, Wasser, Luftfeuchte, Biodiversität usw.) und wieder reichlich puffernde Elemente geschaffen.

Essbare Ökosysteme sind langfristig gesehen um ein Vielfaches effizienter als industrielle Monokultur-Landwirtschaft.

Ein weiterer positiver Nebeneffekt: essbare Ökosysteme sind langfristig gesehen um ein vielfaches effizienter als industrielle Monokultur-Landwirtschaft. Es werden nicht nur weitaus weniger Ressourcen zur Bewirtschaftung benötigt, auch der Ertrag ist stark erhöht. So sind langfristig beispielsweise sämtliche Pflanzenschutzmaßnahmen überflüssig, da sich ein stabiles Ökosystem selbst reguliert. Auch der Maschineneinsatz ist viel geringer und die benötigten Nährstoffe werden aus systemeigenen Stoffen generiert. Bei intensiver Bewirtschaftung kann ein eingewachsenes Permakultur-System 60 Tonnen essbare Erträge pro Jahr und Hektar hervorbringen.
Langfristig betrachtet und bei maximaler Effizienz, könnten wir also rein rechnerisch mit der aktuellen landwirtschaftlichen Fläche bis zu 480 Mrd. (!) Menschen ernähren. Aber auch in den ersten Jahren können die Erträge durch ein paar Optimierungen deutlich erhöht werden. Hinzu kommen „Nebenerträge“ wie Wertholz, Bauholz und Biomasse. Bei so vielen Menschen werden Faktoren wie Energie und soziales Zusammenleben natürlich deutlich vor den landwirtschaftlichen Erträgen relevant werden. Aber bei aktuell knapp 8 Mrd. Menschen zu behaupten, dass diese nur über weitere Industrialisierung der Landwirtschaft zu ernähren sind, ist schlichtweg falsch.

Das Problem ist nicht die Anzahl der Menschen, das Problem ist die Art und Weise, wie die Menschheit momentan wirtschaftet.

Der folgende Entwurfsplan zeigt, wie eine Permakultur-Landwirtschaft aussehen könnte. Auf den ersten Blick ist hier vor allem folgendes gut zu erkennen: Es stehen reichlich Bäume und Gehölze auf der Fläche. Dies ist der strukturelle Hauptunterschied, der auch den größten ökologischen Einfluss hat. Dennoch sind genug Lücken vorhanden, um auf der Bodenebene noch genug Licht zu haben und den Anbau von einjährigen Feldfrüchten nicht zu behindern. Auch ist alles in einer bestimmten Form angeordnet und folgt klaren Hintergrundgedanken.

Auch der effiziente Anbau von Getreide wie Weizen und Mais funktioniert

Die Ackerfläche schlängelt sich beispielsweise als durchgehende Fläche durch die gesamte Anlage und ist von der Breite her der kleinste gemeinsame Nenner der benötigten landwirtschaftlichen Anbaugeräten (in diesem Fall 12 Meter Feldbreite durch 3 m Sämaschine, 4 m Egge und 6 m Mähdrescher). So kann die Fläche noch mit landwirtschaftlichen Maschinen bearbeitet werden, die allerdings wesentlich effektiver arbeiten können (keine Wendemanöver, keine halben Spuren, nur wenige Arbeitsgänge nötig usw.) Auch zwischen den Baumreihen lässt sich in diesem Beispiel jeweils mit einem kleinen Traktor entlangfahren, was Pflege und Ernte deutlich erleichtert.

 

Ackerbau nach den Prinzipien der Permakultur

 

Grundsätzlich befinden sich die verschiedensten Nutzungsformen auf einer Fläche und sind so angeordnet, dass sie sich gegenseitig unterstützen können. Dies ist sehr wichtig! Denn man kann die Elemente auch so anordnen, dass sie sich behindern anstatt zu fördern. Zur Verdeutlichung folgende Übersicht:

 

Quelle: Jonas Gampe

 

Warum sieht unsere Landwirtschaft nicht so aus?

Man fragt sich nun, warum nicht große Teile der Landwirtschaft schon so aussehen, wenn die Vorteile dermaßen überwältigend sind… Dies kann man leider nur mit großer Zurückhaltung im Bereich Politik und Behörden erklären, was die Förderung und Umsetzung neuer, zukunftsfähiger Ideen betrifft. Auch die fachliche Kompetenz lässt hier leider oft etwas zu wünschen übrig, sodass man aktuell schon froh sein muss, wenn Politik und Behörden bei der Umsetzung solcher Projekte nicht im Wege stehen. Von einer sinnhaften Förderung landwirtschaftlicher Ökosysteme ist momentan nur zu träumen. Hinzu kommt massiver Lobbyismus im Bereich Agrar-Chemie, Hybridsaatgut und Landwirtschaftsmaschinen. Dies führt auch zu einer sehr engen landwirtschaftlichen Ausbildung, in der die gelernten Landwirte mit den rund 30 typischen Feldfrüchten nicht einmal 1 % der möglichen nutzbaren Pflanzen kennen.
Um eine zukunftsfähige Agrarwende herbei führen zu können, wird man also nicht umhin kommen, selbst aktiv zu werden und anzufangen Flächen umzugestalten. Die dadurch entstehenden Vorzeigeprojekte werden Politik und Wirtschaft weiter unter Druck setzen, da man jederzeit sagen kann: „Na schaut doch mal her, so kann das alles nachhaltig und zukunftsfähig funktionieren, also Schluss mit den lahmen Ausreden.“

 

Ein Permakultur Park inmitten von kargen Monokulturflächen

 

Mehr zum Autor Jonas Gampe

Nach der Schulzeit hat sich Jonas schnell gegen ein angeratenes Mathematik-Studium entschieden und sattdessen lieber den Beruf des Landschaftsgärtners erlernt. Natur, frische Luft, Bewegung und täglich etwas erschaffen…was will man mehr!?
Nach dieser Ausbildung und zwei Gesellenjahren machte er im Garten-Landschaftsbau seinen Techniker und erlernte dabei reichlich über das Planen von Gärten und viele bautechnische Details. Während den beiden Schuljahren, gab es auf einmal wieder viel Freizeit und die ersten Permakultur-Bücher wurden verschlungen, mit dem Ergebnis, dass er direkt die Weiterbildung zum Permakultur-Designer anschloss. Zeitgleich kaufte er gemeinsam mit seinem Vater ein 1,2 ha großes Ackerland, auf dem seit 2009 ein Permakultur-Park entsteht. Dort konnte endlich alles ausprobiert werden, von dem man bisher nur gelesen hatte.
Eine schlechte Benotung seines Businessplans (als Übungsprojekt in der Techniker-Schule) spornte ihn dazu an, eben dieses Geschäftsmodell umgehend zu gründen und zu testen, was die Realität zeigen wird. Daraus ist das Planungsbüro „Kreislauf-Gärten“ entstanden, mit mittlerweile sechs planenden Kollegen, in dem Permakultur-Projekte aller Art gestaltet, unterstützt, umgesetzt und begleitet werden. Dieser Betrieb ist zudem sozial-solidarisch organisiert, mit flachen Hierarchien und Förderung vorhandener Kompetenzen in allen Bereichen. Fazit: Der Businessplan funktioniert wie eine 1+ und nicht wie eine 4- 😀

Wir sind gespannt auf sein nächstes Buch, das viele interessante Infos zum Thema Permakultur-Agrarwende enthalten wird.

 

 

Beispiele anderer bereits bestehender effizienter und nachhaltiger Permakultur Betriebe findest du in diesen Artikeln.

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